Saudi-Arabien vs. Iran – Vorherrschaft in Middle East

Foto: Saudi-Arabien vs. Iran by Jakob Reimann - CC BY-ND 2.0

Saudi-Arabien führt mit einer Politik niedrigster Ölpreise einen Wirtschaftskrieg um die Vorherrschaft in Middle East – Target ist der Iran, den wegen fallender Sanktionen ein rasantes Wirtschaftswachstum erwartet. Eine militärische Eskalation dieses Machtkampfs – der kein religiös-konfessioneller ist – muss in jedem Fall verhindert werden.

Im Jahre 632 starb der Prophet Mohammed unerwartet im Haus seiner Frau in Mekka. Der Religionsstifter des Islam verfolgte eine Agenda der Versöhnung innerhalb der Muslimenschaft und sprach kurz vor seinem Tode folgende Zeilen:

„Leute! Hört meine Worte und begreift sie! Ihr sollt wissen, dass jeder Muslim Bruder des Muslims ist,
und dass die Muslime untereinander Brüder sind.“

Die Anhänger Mohammeds wollten von seiner Versöhnlichkeit jedoch nichts wissen und ergingen sich unmittelbar nach dessen Ableben im Kleinkrieg über die Nachfolge des toten Propheten. Mit ihrem Zwist legten sie den Grundstein für das Auseinanderbrechen der jungen Religion in zwei Konfessionen, der die Muslimenschaft bis in die Gegenwart hinein gespalten hält – in Sunniten und Schiiten.

Saudi-Arabien und Iran: Führungsmächte zweier Konfessionen

Geographische Verteilung der Hauptkonfessionen innerhalb der muslimischen Welt. By Baba66, NNW (talk) licensed under CC BY-SA 3.0 (edited).

Die Gruppe der Sunniten stellt die mit Abstand größte Konfession im Islam dar, der mehr als 85% der weltweit rund 1,6 Milliarden Muslime angehören. Vor allem in Ländern in Süd(ost)asien und der arabischen Welt leben sunnitische Bevölkerungsmehrheiten.

Auch wenn nur etwas mehr als 1% aller Sunniten in Saudi-Arabien lebt, gebärdet sich das Königreich als die sunnitische Schutz- und Führungsmacht. Das saudische Königshaus hat die ultrakonservative Islamschule des Wahhabismus in eine quasi-faschistische Staatsideologie überführt und herrscht mit systematischer Verletzung der Menschenrechte über die Bevölkerung des Landes.

Der Führungsanspruch Saudi-Arabiens ist keineswegs Konsens unter den Sunniten dieser Welt. So sind es neben Ländern, die ihre Gefolgschaft verweigern, immer wieder auch radikale Terrorgruppen, die ihrerseits die Führung über das sunnitische Lager anstreben – allen voran der ideologische Ziehsohn der Saudis: der Islamische Staat.

Der “Schiitische Halbmond” als Hauptsiedlungsgebiet der Schiiten: Libanon-Aserbaidschan-Irak-Iran-Bahrain. By Nima Farid published under public domain (edited).

Dieser innere Bruderkampf der Sunniten ist ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zum schiitischen Lager, das in seiner nach außen transportierten politischen Stimme wesentlich geeinter ist und den Führungsanspruch des Irans nicht in Frage stellt. Der Iran bildet das wirtschaftliche, kulturelle, religiöse und machtpolitische Zentrum der Schiiten.

Die Gruppe der Schiiten ist territorial weit weniger gestreut und lebt überwiegend auf der Achse Libanon-Aserbaidschan-Irak-Iran-Bahrain – dem Schiitischen Halbmond. Eine Sonderrolle nimmt das Königreich Bahrain ein, da es zwar von einer schiitischen Bevölkerungsmehrheit bewohnt wird, die Staatsführung jedoch sunnitisch ist und das Land politisch treu an der Seite Saudi-Arabiens steht.

In Syrien liegt der gegenteilige Fall vor. Die überwiegend sunnitische Bevölkerung wird vom Assad-Regime beherrscht, das einer schiitischen Untergruppe – den Alawiten – angehört, und der engste Verbündete des Irans ist.

Eine schiitische Minderheit findet sich in einigen weiteren Ländern, in Saudi-Arabien etwa, wo sie rund 20% der Bevölkerung stellt und Opfer massivster Diskriminierung ist. Neben politischer, religiöser und sozialer Diskriminierung zeigt sich dies vor allem auch daran, dass sich unter den Opfern saudischer Hinrichtungen immer wieder auch hohe schiitische Geistliche oder andere einflussreiche schiitische Persönlichkeiten befinden.

Ein pazifistischer Demokrat wird als Terrorist hingerichtet

So auch Anfang Januar 2016. Das Saudi-Regime ließ in einer Massenexekution 47 Menschen hinrichten, die meisten als Terrorverdächtige verurteilt. Unter ihnen befand sich der schiitische Geistliche Sheikh Nimr Baqir al-Nimr, dem wegen seiner offenen Opposition zur Saudi-Monarchie und seines gewaltfreien Kampfes für Demokratie und Menschenrechte weit über die saudi-arabischen Grenzen hinaus hohes Ansehen zuteil wurde.

Der schiitische Geistliche Sheikh Nimr Baqir al-Nimr wurde mit 46 weiteren „Terrorverdächtigen“ durch die Saudis hingerichtet.
By Abbas Goudarzi licensed under CC BY 4.0

Bei der zaghaften und vom Regime blutig niedergeschlagenen saudi-arabischen Version des Arabischen Frühlings stand al-Nimr 2011 an der Spitze der regimekritischen Protestbewegung und rief seine Anhänger zu ausdrücklich gewaltfreien Formen des Widerstands gegen die Saudi-Diktatur auf. Das Regime verurteilte al-Nimr daraufhin zum Tode, unter anderem wegen „Volksverhetzung“ und „Mangel an Gehorsam“.

Auch al-Nimrs 17 Jahre alter Neffe, Ali Mohammad, wurde zum Tod durch Kreuzigung verurteilt. Beide Todesurteile lassen erkennen, dass sie nicht aufgrund strafrechtlicher Gesichtspunkte gefällt wurden, sondern einzig politischen Zielen dienen: sie sind als Warnung an die schiitische Minderheit im Land zu werten, ihre Proteste sollen im Keim erstickt werden.

Die Ermordung des Geistlichen al-Nimr setzte eine Eskalationsspirale in Gang. Geistliche und Politiker im Jemen, Libanon und Iran verurteilten die Exekution aufs Schärfste. Die iranische Führung sagt, die Ermordung al-Nimrs wird Saudi-Arabien „teuer zu stehen kommen“, kündigt „göttliche Rache“ an und will gar den Anfang vom Untergang des Hauses Saud erkannt haben.

In vielen Ländern der Region kam es zu Demonstrationen der schiitischen Bevölkerungen gegen die Exekution al-Nimrs, die wie in Bahrain teilweise blutig niedergeschlagen wurden. In der iranischen Hauptstadt Teheran stürmten Demonstranten die saudi-arabische Botschaft und setzten diese in Brand; ähnliches spielte sich im Irak ab.

Der iranische Präsident Hassan Rohani verurteilte den Brandanschlag auf die Botschaft als „Beleidigung der iranischen Würde“ und kündigte polizeiliche Aufklärung an. Dennoch beschuldigte die saudische Regierung Teheran als Drahtzieher hinter den Anschlägen und brach sämtliche diplomatischen Verbindungen zum Iran ab.

Auf dem Deera Square in Riad führt Saudi-Arabien seine Enthauptungen durch, auch als “Chop-Chop Square“ bekannt.
By BroadArrow licensed under CC BY-SA 3.0

Eine Koalition saudi-naher Staaten – Türkei, Katar, Jordanien, Dschibuti, Bahrain, Sudan, Vereinigte Arabische Emirate, Kuwait – brach aus Solidarität zum Königreich die Verbindungen zum Iran ebenfalls ab und zog teilweise ihre Botschafter aus Teheran ein. Der Iran erwiderte mit der Einsetzung eines Wirtschaftsembargos gegen Produkte aus Saudi-Arabien.

Eine militärische Antwort Riads auf seine brennende Botschaft in Teheran ließ auch nicht lange auf sich warten. Wenige Tage später bombardierte die saudische Luftwaffe die iranische Botschaft in der jemenitischen Hauptstadt Sana’a – so zumindest die Anschuldigungen Teherans.

Die jüngsten Ereignisse eskalieren die Konfrontation der letzten Jahre zwischen dem Iran und Saudi-Arabien, bei der die islamischen Konfessionen als Spaltungswerkzeuge missbraucht werden. Es geht jedoch nicht um Religion, sondern vielmehr um die machtpolitische Vorherrschaft im Nahen Osten.

Eine auf JusticeNow! erschienene Analyse skizziert das Szenario eines neuen Kalten Krieges, bei dem die alten verfeindeten Blöcke verstärkt auf regionale Bündnispartner entlang muslimisch-konfessioneller Spaltungslinien setzen: Russland kollaboriert mit dem schiitischen Block um den Iran, die USA mit dem sunnitischen um Saudi-Arabien.

Kalter Krieg reloaded - Frontline Syrien, hier a href=http://justicenow.de/kalter-krieg-reloaded-frontlinie-syrien/ target=_blankhier/a geht's zum Artikel.Kalter Krieg reloaded - Frontline Syrien, hier a href=http://justicenow.de/kalter-krieg-reloaded-frontlinie-syrien/ target=_blankhier/a geht's zum Artikel.

Auch durch den vermehrten Einsatz lokaler Proxies, kann die Mehrheit der Kriege in Middle East nach dieser erneut dichotomen Konfliktarchitektur gedeutet werden: bei der blutigen Niederschlagung des Arabischen Frühlings in Bahrain durch saudi-arabische Truppen, der Unterstützung der verfeindeten Parteien im Krieg in Syrien oder den unnachgiebigen saudischen Bombardements schiitischer Rebellen im Jemen stehen sich die Armeen von Saudi-Arabien und dem Iran den jeweils vom Rivalen unterstützten Proxy bereits auf mehreren Kriegsschauplätzen gegenüber.

Der Zufall geographischer Verteilung

Erdöl ist (noch) die wichtigste strategische Ressource unserer Zeit und steht nur allzu oft im Zentrum geostrategischer Interessen. Öl sollte daher auch zentral sein bei der Ursachenanalyse für all die Kriege im Mittleren Osten – der ölreichsten Region der Welt.

Eine akribisch erstellte Karte von Michael Izady von der Columbia University bildet die geographische Verteilung der Öl- und Gasvorkommen in Middle East ab und kommt zu dem Ergebnis, es gebe eine Koinzidenz aus geographischer Verteilung der Energieressourcen und konfessioneller Zugehörigkeit der Bevölkerung: Öl und Gas liegen im Wesentlichen unter von Schiiten bewohntem Gebiet.

Öl- (Schwarz) und Gasfelder (rot) befinden sich hauptsächlich in schiitischen Gebieten (dunkelgrün). Sunnitische Gebiete sind hellgrün unterlegt, wahhabitische (ein sunnitischer Zweig) lila. Eine erweiterte Karte findet sich hier. Source: Dr. Michael Izady at Columbia University, Gulf2000, New York.

Dies gilt für Aserbaidschan, für den ölreichen Iran ohnehin, aber auch für das Königreich Bahrain und den Irak, in dem sich etwa zwei Drittel der Ölquellen im schiitischen Südosten des Landes befinden. Selbst in Saudi Arabien – das Land mit den zweitgrößten Ölreserven der Welt – liegen die Energieträger zum größten Teil unter den Gebieten der schiitischen Minderheit im Osten.

Die saudi-arabische Führung ist sich dieser Koinzidenz natürlich bewusst und setzt im Kampf um die Vorherrschaft in Middle East daher alles daran, die schiitische Bevölkerung im In- und Ausland klein zu halten und so den Einfluss des vermeintlichen Hauptfeinds Iran zurückzudrängen.

Auch die Exekution al-Nimrs – der Auslöser der aktuellen Spannungen – muss in diesem Licht gesehen werden: 2009 drohte der Geistliche bei andauernder Unterdrückung der schiitischen Minderheit in Saudi-Arabien mit einer Abspaltung der ölreichen Ostgebiete, was einem wirtschaftlichen Todesurteil für die Saudi-Monarchie gleichgekommen wäre.

Mit der Ölwaffe gegen einen erstarkenden Iran

Seit Mitte 2014 ist der Ölpreis um dramatische 70 Prozent gesunken und ist mit dem niedrigsten Wert seit 2004 auf einem historischen Tiefpunkt angelangt. Dies ist vor allem auf US-Firmen zurückzuführen, die seit einigen Jahren mit großen Mengen unkonventionellen Schieferöls auf den Markt drängen und die USA damit in einem in seiner Rasanz historisch beispiellosen Siegeszug zum größten Erdölproduzent der Welt aufstiegen ließen. Das gesteigerte Angebot drückt die Weltmarktpreise.

Für gewöhnlich wirkt die mächtige Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) Preisrückgängen mit einer Drosselung der Fördermenge ihrer Mitgliedsländer entgegen und stabilisiert so den Weltmarktpreis. Doch nicht im derzeitigen Preissturz der letzten eineinhalb Jahre.

Schiefergasanlage in Alvarado, Texas. Aufgrund des Fracking-Booms in den Staaten sind die USA 2014 zum größten Ölproduzenten der Welt aufgestiegen. By David R. Tribble licensed under CC BY-SA 3.0

Der saudi-arabische Ölminister al-Naimi gibt offen zu, die Strategie niedrigster Preise sei ein Schachzug der OPEC, um die aufsteigende US-amerikanische Konkurrenz vom Markt zu drängen: aufwendig zu förderndes Schieferöl aus den USA wird bei fallenden Weltmarktpreisen wesentlich schneller unrentabel als das billig zu fördernde konventionelle Öl der OPEC-Länder.

So sagt die OPEC in ihrem aktuellen Monatsbericht ein Einbrechen der US-Schieferölproduktion in den kommenden Monaten voraus – aufgrund fallender Ölpreise.

Mit der aktuellen Eskalation zwischen Saudi-Arabien und Iran im Hinterkopf erscheint die OPEC-Politik der fallenden Ölpreise jedoch in einem ganz anderen Licht: nicht (nur) US-amerikanische Firmen sind das Angriffsziel der OPEC-Strategie, sondern vor allem der Iran und auch sein Verbündeter Russland.

Beide Länder leiden bereits unter den aktuellen Niedrigpreisen, da die Staatsfinanzen Russlands wie des Irans etwa zur Hälfte von Energieexporten abhängig sind. Der iranische Präsident Rohani beklagt, der „beispiellose Fall“ des Ölpreises würde den iranischen Staatshaushalt massiv „unter Druck setzen“.

Durch den im Sommer 2015 unterzeichneten historischen Atom-Deal mit dem Iran und das dieser Tage begonnene Aufheben der Jahrzehnte andauernden Wirtschaftssanktionen, erwartet den Iran ein nicht minder historischer wirtschaftlicher Aufschwung. Besonders im Öl- und Gassektor kommen Auslandsinvestitionen in Multimilliardenhöhe auf das Land zu – dessen Auswirkungen Foreigen Policy’s Keith Johnson bereits als „The Next Iranian Revolution“ prognostiziert.

Besonders der europäische Energiemarkt wird hier im Fokus der iranischen Expansion liegen. Der EU-Energiekommissar Miguel Arias Cañete ermutigt europäische Energiekonzerne, im großen Stil im Iran zu investieren – mit dem Ziel, den Iran langfristig zu einem der Hauptenergieexporteure in die EU zu machen und so Europas Abhängigkeit von Russland zu verringern.

Die Aufhebung der iranischen Wirtschaftssanktionen würden mittelfristig eine veränderte globale Energieversorgungsstruktur nach sich ziehen und so die Machtverhältnisse in Middle East zu Gunsten des Irans und zum Nachteil Saudi-Arabiens verschieben.

Das Kalkül Saudi-Arabiens könnte es daher sein, mit Hilfe eines durch Übersättigung des Marktes künstlich niedrig gehaltenen Ölpreises diesen prognostizierten Boom im Iran von vornherein zu boykottieren. Diese Taktik wird den wirtschaftlichen Aufschwung gewiss abschwächen – ein niedriger Ölpreis allein dürfte jedoch nicht in der Lage sein, “The Next Iranian Revolution“ in Gänze abzuwenden.

Auch die Wirtschaft Saudi-Arabiens ist bekanntermaßen massiv von Ölexporten abhängig, noch weit mehr als die des Irans sogar: 88 Prozent des königlichen Staatshaushalts stammen aus Ölverkäufen. Die These, Saudi-Arabien würde die Ölwaffe gegen den Iran einsetzen, erscheint daher auf den ersten Blick wenig intuitiv – leidet doch die saudi-arabische Wirtschaft ebenso unter niedrigen Ölpreisen.

Der zweite Blick verrät jedoch, dass sich die monetäre Ausgangslage beider Länder stark unterscheidet und einbrechende Ölpreise beide Volkswirtschaften daher ebenso unterschiedlich stark treffen.

Saudi-Arabien verfügt hinter China und Japan über die drittgrößten Währungsreserven: die saudische Zentralbank hält 635 Milliarden Dollar in Devisen bereit, sechsmal mehr als der Iran. Auch verwaltet der saudi-arabische Staatsfonds mit 672 Milliarden Dollar zehnmal mehr Vermögenswerte als der iranische Fonds. Saudi-Arabien hat außerdem mit unter 2% die kleinste Staatsschuldenquote der Welt, weit entfernt von denen hoch industrialisierter Länder wie der USA (106%) oder „Spitzenreiter“ Japan (245%).

Das Land hat optimalste Voraussetzungen, auch einen längeren Zeitraum niedrigster Ölpreise abzufedern: in 2015 hatte das Königreich bereits ein historisches Staatsdefizit von 98 Milliarden Dollar, was mit einem massiven Zugriff auf seine Barreserven kompensiert wurde.

In europäischen Ohren mag dies surreal klingen, doch in Saudi-Arabien wird die Bevölkerung nicht besteuert. Die saudische Regierung plant daher nun im Verbund mit fünf weiteren Golfstaaten die Einführung einer Mehrwertsteuer als Ausgleich zu den fallenden Ölpreisen.

Der Iran hingegen hat wenig Möglichkeiten, auf kurzfristige Einnahmeausfälle zu reagieren.  Die desaströse Inflation der letzten Jahre mit jährlichen Raten von bis zu 35 Prozent lässt kurzfristige Steuererhöhungen nur äußerst schwer durchsetzbar erscheinen.

Alles in allem hat Saudi-Arabien im Pokerspiel der niedrigen Ölpreise einen größeren monetären Spielraum und nutzt diesen unerbittlich aus – gegen Feind wie Freund.

OPEC-Hautquartier in Wien. Saudi-Arabien gilt als de facto-Führer und missbraucht die Organisation für seine Eigeninteressen. By DALIBRI licensed under CC BY-SA 3.0

Saudi-Arabien ist der mit Abstand größte Produzent in der OPEC und gilt daher als ihr de facto-Führer. Zusammengenommen hatten die 13 OPEC-Staaten aufgrund der niedrigen Ölpreise allein in 2015 etwa eine halbe Billion Dollar Einnahmeverluste zu beklagen. Hätten die Saudis die normalen Preisbildungsmechanismen der Organisation wirken lassen, wäre durch eine Drosselung der Förderquoten der Ölpreis stabilisiert worden, wodurch dessen Absturz hätte verhindert werden können.

Die Führung in Riad hat jedoch beschlossen, ihre Macht in der OPEC auszunutzen, um eben diese Mechanismen außer Kraft zu setzen und pumpt weiter in großen Mengen Rohöl auf den Markt. Kein anderes OPEC-Land hat dermaßen gute finanzielle Voraussetzungen und enorme Rücklagen wie Saudi-Arabien, weshalb der niedrige Ölpreis die anderen OPEC-Volkswirtschaften wesentlich heftiger trifft als die saudische.

Um ihre Position im Faustkampf mit Teheran zu verbessern, nimmt die Führung in Riad den wirtschaftlichen Zerfall ihrer Verbündeten in Kauf – Venezuela beispielsweise steht kurz vor dem Zusammenbruch.

Das Verhalten Saudi-Arabiens ist untragbar. Die anderen OPEC-Staaten müssen daher versuchen, anderweitig ihre Interessen zu verfolgen und den Ölpreis zu stabilisieren, was in Kooperation mit den großen nicht-OPEC Ölproduzenten geschehen könnte – USA, Russland, China und Kanada.

In jedem Fall muss die Ausweitung des Konflikts zwischen Saudi-Arabien und dem Iran verhindert werden. Auf beide Länder muss international Druck ausgeübt werden, die diplomatischen Beziehungen umgehend wieder aufzunehmen und das rhetorische Säbelrasseln einzustellen.

Eine direkte militärische Konfrontation der beiden Regionalmächte würde katastrophale Folgen für den gesamten Mittleren Osten haben, da sie aufgrund der religiös aufgeheizten Lage auch auf alle anderen Kriegsschauplätze in der Region ausstrahlen würde.

Missbrauch der Religion

Die vorsätzliche Aufwiegelung der beiden großen islamischen Konfessionen, die wir derzeit erleben, ist nichts als eine Instrumentalisierung der Religion. Künstliche Grenzen werden gezogen, Unterschiede betont und zur Rechtfertigung von Gewalt hochstilisiert.

Den Jahrtausende alten Kampf zwischen Sunniten und Schiiten den gibt es nicht. Die aktuellen Spannungen reichen kaum weiter als wenige Jahrzehnte zurück. Die Geschichte von der uralten Feindschaft der islamischen Konfessionen ist ein Mythos. Religion wird wie so oft als Spaltungstool missbraucht, um zur Durchsetzung einer politischen Agenda die Bevölkerungen hinter ihren Führern zu vereinen.

Wie beim Israel-Palästina-Konflikt oder Huntingtons herbeigesehnten Clash der Kulturen geht es auch beim Konflikt Saudi-Arabien vs. Iran nicht um Religion, nicht um die legitime Nachfolge des Propheten Mohammeds – es geht um Politik, um Machtpolitik. Es geht um Absatzmärkte, Einflusssphären, Marktanteile, Vorherrschaft.

Die Rhetorik des Konflikts muss herausgeholt werden aus dem Reich eines religiösen Mystizismus, denn dort bleibt er naturgemäß unlösbar. Die Religion ist den Menschen etwas sehr Persönliches, Emotionales. Wird die religiöse Komponente des Konflikts Saudi-Arabien vs. Iran deshalb entfernt und er als das demaskiert, was er ist – ein Machtkampf – wird es wesentlich schwieriger, die Bevölkerungen gegeneinander aufzuhetzen. Der Konflikt muss an Verhandlungstischen, nicht auf Schlachtfeldern gelöst werden.


Dieser Beitrag erschien auch auf Jakobs blog: JusticeNow! – connect critical journalism.

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